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„Die Frühgeburten“: 1966 auf die Unis losgelassen

200 Jahre Lichtenberg-Gymnasium – das war Ende August Anlass, auf zwei Magazin-Seiten an Etappen der Schulgeschichte zu erinnern. Längst nicht alles Interessante konnte dort schon erzählt werden. Unter anderem hatten wir die Ehemaligen ermuntert, uns weitere Döntjes zu schicken. Einige reagierten prompt, auch Dr. Christiane Schmelzkopf. Sie erinnert an ihr Abitur im Jahr 1966; ein ganz besonderes Schuljahr.

Von Maren Reese-Winne (Cuxhavener Nachrichten, 07.10.2017)

Auch wenn sie heute in Laichingen auf der Schwäbischen Alp lebt: Die Schulzeit im damaligen Gymnasium für Mädchen in Cuxhaven steht ihr immer noch lebendig vor Augen. Als ob es gestern gewesen wäre, hatte sie darüber in unserer Zeitung schon im Jahr 2013 erzählt, damals aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft mit Vannes. In den Sommerferien 1965 ermöglichte Schulleiterin Eleonore Siebrecht 30 Schülerinnen einen dreiwöchigen Austausch mit Schülerinnen in der Partnerstadt Vannes.

Die Jugendlichen tauchten ganz in den Alltag ihrer Gastfamilien ein. Auf dem Rückweg kamen die französischen Gastschwestern gleich mit und erlebten auch in Cuxhaven zauberhafte Wochen. Dieses Geschehen hielt Christiane in einem „Journal Français“ fest und so verwundert es kaum, dass sie auch federführend bei der Gestaltung der Abi-Zeitung im darauffolgenden Jahr war.

Und das war das Kurzschuljahr 1966; das Jahr, in dem der Jahrgang 13 ein halbes Jahr früher als vorgesehen schon im September 1966 („zu Michaelis“, sagte man damals) entlassen wurde. Grund dafür war, dass das Schuljahr künftig im Herbst (Spätsommer) und nicht mehr wie vorher im April beginnen sollte.

So kam es, dass die 13. Klasse nicht wie vorgesehen bis April 1967 die Schulbank drückte, sondern schon nach einem halben Jahr zur Reifeprüfung „getrieben“ wurde. Folgerichtig wurde der Name der Abi-Zeitung passend ausgewählt: „Die Frühgeburten“.

Christiane Schmelzkopf: „Meine Redaktionsgerätschaft bestand aus etlichen Wachs-Matritzen, die ich auf einer Art Wäschemangel mit einer stinkenden Essenz durchnudelte, damit eine respektable Zahl von Zeitungsexemplaren entstehen konnte.“

Auf dem Titel: Ein Brutkasten in Form einer Waschmaschine, wobei das sichtlich gestresste Lehrpersonal nachschaute, ob die „Frühgeburten“ schon rausgeholt werden können: „Links im weißen Kittel und von beträchtlicher Größe unser Mathe- und Chemie-Lehrer Herr Prange; mit misstrauischem Blick in den Brutkasten lugend unser Klassenlehrer Herr Kittlitz, dahinter, mit handfestem Gerät bewaffnet und sichtlich gestresst unser Mathelehrer in der Unterstufe, Herr Haacke, sowie als Krankenschwester unsere Englisch-Lehrerin Fräulein Bohrmann (sagte man damals!).“

Dazu hieß es mit gehörig süffisanten Seitenhieben: „Das Gymnasium für Mädchen meldet glückliche Entbindung von acht strammen Abiturientinnen! Nach verbissenen siebeneinhalbstündigen ärztlichen Bemühungen wischt sich ein erschöpftes Prüfungskollegium den Schweiß von der Stirn, während nicht minder erleichterte Hebammen im Hinterräumchen die letzten Spuren ihrer fürsorglichen Tätigkeit wegräumen: Leere Saftflaschen, Aschenbecher, Kekskrümel und ein Essigglas, in dem eine vereinsamte Gurke schwimmt.

Die ärztlichen Maßnahmen zur Erreichung der Frühreife waren ein noch nie erprobtes Experiment: Drei bzw. vier Tage ließ man die Kinder im Brutkasten bei einer Temperatur von 33 Grad Celsius schwitzen und päppelte sie mit Weintrauben, Apfelsaft und Traubenzucker, damit sie sich voll geistig entfalteten…

Skeptiker sind diesen Methoden gegenüber skeptisch: Werden diese ,armen Wesen‘ imstande sein, sich später im Leben zu behaupten? – diese bange Frage ist in den sorgenvollen Blicken von Eltern und Ärzten zu lesen. Die Redaktion ist optimistisch: Nachdem diese ,armen Wesen‘ zur Abwehr gegen zahlreiche vorgeburtliche Frustrationen (,Ihr Doofen!‘, ,So eine schlechte Klasse hab ich noch nie gehabt!‘, ,Keine Spur von Klassengeist in dem Haufen!‘) bereits eine gute Portion Anti-Stoff gegen die Angriffe der tückischen Welt gebildet haben, fühlen sie sich frech genug, der bösen Welt und sämtlichen Unis zu trotzen!Übrigens scheint die Entwicklung der Prachtkinder in dem erstaunlich beschleunigten Maße weiterzugehen: Schon einen Tag nach der Geburt haben sie das Rollerfahren erlernt!“ (Auflösung folgt...)

Der Abi-Zeitung konnten Leser auch manches Detail aus dem Unterricht entnehmen. Etwa über eine ganz spezielle Chemie-Stunde bei Herrn Prange: „Schon der Titel ,Der Brautkauf oder die Salzbildung‘ ließ Pikantes ahnen“, so die ehemalige Schülerin. „Dieser Herr stammte nämlich noch aus Kaisers Zeit, wovon er immer wieder schwärmte, auch seine uns von vergilbten Blättern diktierten Aufgaben waren zweifelsohne noch aus dieser Zeit, was der Sache nicht schadete, da die mathematischen Gesetze sich nicht so wesentlich verändert hatten.“

Ein zur Stunde passendes Bild sollte Christiane vorne auf der Tafel verewigen. Mit dem Bild des Negerhäuptlings“ und seiner zu verkaufenden Tochter im Baströckchen wurde da die Salzbildung veranschaulicht, dazu die Einführung: „Also, nun gehen wir mal zu Lumumba und Kasawubu in den Urwald…“ Die Abiturprüfung der Schülerinnen hat es offenbar nicht verhindert.

Am Tag nach dem Abi und der feierlichen Zeugnisverleihung tappten die „Frühgeburten“ alles andere als schüchtern in die Welt hinaus: Mit kurzem Rock, Zöpfen und Tretrollern tobten sie durch die Stadt, versenkten an der Alten Liebe ihre Schulhefte und besuchten anschließend Herrn Prange bei sich zu Hause, was damals so üblich war. Christiane Schmelzkopf: „Dort führte seine Schwester, eine ebenfalls aus Kaisers Zeiten stammende Dame, den Haushalt und hatte schon Saftgläser und Kekse vorbereitet. Inzwischen waren wir ja auch schon in der Zeitung als Abiturientinnen samt Berufswünschen vorgestellt worden, und da ich dort den Plan geäußert hatte, Theologie zu studieren, fand dies doch in Anbetracht meiner Zöpfe samt kurzem Röckchen bei der betagten Schwester gewisses Erstaunen: ,Theologie wollen Sie studieren? Also, so hätte ich mir ja eine Theologin nicht vorgestellt! Wird man da nicht eine Diakonissin?‘“ Sie verrät: „Nun, eine ,Diakonissin‘ bin ich nicht geworden, Theologie habe ich aber studiert, allerdings fürs Lehramt, und in späterer Zeit immer wieder meine Schüler mit lustigen Zeichnungen erfreut!“